Unanständige Hilfsbereitschaft

Kleine Alltagsbegegnung in der Straßenbahn. Zwei ältere Frauen steigen ein, setzen sich zu mir in die Viererbank- eine mir zur Linken, die andere gegenüber. Ich sehe nur die Frau, die mir gegenüber sitzt. Ich lese in einem Roman von Noteboom und teile meine Aufmerksamkeit zwischen dem Gespräch der beiden Damen und dem Text. Bald aber sind die Buchseiten nur noch ein Lausch-Alibi.

Ununterbrochen versichert die Dame neben mir der Dame gegenüber, mit der sie offenbar gerade eine Art Termin hatte, dass sie ihr auch weiterhin bei ihrem Problem helfen wird. Ich schaue auf, die Frau mir gegenüber ist geradezu verzweifelt ob der Hilfsbereitschaft ihrer Gesprächspartnerin. Oder besser: sie ist zu anständig, um von dem Redeschwall entnervt zu sein. Die ganze Zeit ringt sie die Hände, ganz besonders dann, wenn die helfenden Hände ihres Gegenübers ihre Oberschenkel tätscheln. “Ich bin immer noch ganz überrascht, wie sehr Sie mir helfen wollen” sagt sie. Und leidet Qualen. “Rufen Sie mich jederzeit an, oder schreiben Sie es auf. Auf einen Zettel. Den können Sie mir dann bringen”. Sie antwortet gar nicht mehr.

Als ihre Helferin aussteigt, beginnt diese Frau zu wachsen. Sie wird im Wortsinne größer: und lächelt auf eine Art und Weise, die nicht mehr ganz so anständig ist.

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